So auch nun. Eine Freundin hatte sie zum Dinner in einem der besten Kurhotels
von Aix eingeladen. Carina war in ein langes weißes Kleid gehüllt
und trug dazu einen kleinen roten Bolero (getragen mit der Carina eigenen
Natürlichkeit, die geradezu alle Aufmerksamkeit auf sich zog). Schon
ihr Entré in das Restaurang hatte es in sich. Die Kellner ließen
beinahe das Tablett fallen. Noch schlimmer erging es einem unscheinbaren
Gentleman an einem Nebentisch, der förmlich vom Blitz getroffen wurde.
Nicht lange später war Carina sein Gast zum Abendessen. Er war nicht
sehr mitteilsam, was seine Person betraf. Holländer, hochintelligent,
befehlsgewohnt, doch gerade erschüttert dadurch, dass seine Frau
ihn müde geworden war und die Scheidung eingereicht hatte.
Herr Moltzer war unscheinbar, klein wie Inghelbrecht, aber gut gebaut
und muskulös, und sein kräftiger Kopf war markant. Er zeigte
sich als recht verschwiegen und etwas geheimnisumwittert. Die wunderschöne
Carina war, seitdem sie aufgehört hatte, zu tanzen, kurvenreicher
geworden. Faszinierend ihre Aufrichtigkeit, Humor und Sinnlichkeit, und
außerdem war sie großzügig mit dem, was sie hatte: Körper
und Geist.
So
fanden Sie einander. Um sie herum entfesselte sich die Katastrophe des
zweiten Weltkriegs. Er fragte Carina ohne Umschweife, ob sie ihm nach
Südamerika folgen würde. Eine Heirat war zunächst ausgeschlossen,
da Moltzers noch-Frau von dem neuen Glück des verschmähten Gemahls
Wind bekommen hatte und jetzt die Scheidung etwas in die Länge zog.
1942, nach kostspieligen Verhandlungen, war endlich die Scheidung durch,
und Jan Moltzers dritter und Carina Aris zweiter Ehe stand nun nichts
mehr im Wege.
Zwischenzeitlich hatte Carina einiges mehr über den neuen Mann in ihrem Leben erfahren. Er war das Adoptivkind eines kinderlosen niederländischen Industriellen und hatte das traditionsreiche Spirituosenimperium Bols geerbt. Moltzer hatte den Krieg, den Deutschland beginnen sollte, vorausgesehen. Vielleicht war er sich nicht sicher, ob er nach Nazi-Gesichtspunkten als arisch galt; jedenfalls nahm er seine besten Fabrikmeister mit sich nach Bueos Aires, und, während die europäische Industrie lahmgelegt war, belieferte von dort aus während der gesamten Kriegsjahre die freie Welt mit den echten, berühmten Bols-Likören und Schnäpsen. Seine zwei Söhne kamen unter der deutschen Besatzung Hollands ums Leben, und eine der beiden Töchter verunglückte tödlich. Die andere behielt immer einen guten Kontakt zu Stiefmutter Carina. Moltzer und Carina bekamen keine eigenen Kinder, doch es war eine harmonische Ehe, die beiden ein glückliches Jahrzehnt zusammen bescherte.
Carina gefiel es, einen Dompteur zum Mann zu haben, sie mochte "richtige" starke Männer. Moltzer war nicht besonders unterhaltsam, doch er war herzensgut. Carina wurde mit großzügiger Liebe überschüttet und reichlich mit Schmuck und Pelzen eingedeckt. Zögerlichkeit konnte er nicht ertragen. Waren Moltzers in einem Geschäft und Carina dabei, wie alle Frauen, die gesamte Konfektion durchzuprobieren, so riß Jan schnell der Geduldsfaden: "Willst du das, was du anhast? Sonst gehen wir jetzt und Schluß!" Carina lernte schnell, sicherheitshalber immer Ja zu sagen. Ein paar Tage später würde sie einen weiteren Pelz bekommen, falls der gerade gekaufte ihr doch nicht gefiel.