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Carina Ari, 1939
Carina Ari 1939

 

Der Abschied von der Bühne ist die schwerste Zeit im Leben einer Tänzerin. Es ist viel schwerer als für andere Künstler. Carina war ja noch so jung, gerade über 40, eine Frau im besten Alter. Aber es ist ganz normal und unausweichlich, dass die Muskeln sich gegen das Verlangen der Seele, zu tanzen, auflehnen.

Carina war wie alle richtigen Tanzkünstler extrovertiert und exhibierend. Ihre langjährigen Erfahrungen und das schon seit frühster Jugend angeeignete Können war ein Teil ihres Wesens geworden. Dazu gehörte auch, gleichzeitig tausend Augenpaare auf sich zu ziehen, Macht über die Gefühle der Zuschauer zu üben, Männer und Frauen, junge und alte zu faszinieren, zu verführen.

Auf dem Höhepunkt des Wirkens nahm dies alles ein abruptes Ende. Es ist wie ein Vorgeschmack auf den Tod, obwohl doch noch das halbe Leben bevorsteht. Der bloße Gedanke an den Tod versetzte Carina in panischen Schrecken.

Das Ende einer Tänzerkarriere ist immer eine Zeit der tiefsten Verwundbarkeit. Nun braucht man vor allem die Liebe und Fürsorglichkeit eines Lebenspartners. Doch gerade in diesem Punkt sah es schon seit einiger Zeit schlecht aus. Inghelbrecht, der für keine seiner Frauen eine besondere Emotion an den Tag gelegt hatte, wurde mit fast 60 Jahren zum ersten Mal von glühenden Liebesgefühlen heimgesucht - ausgerechnet zu Carinas bester Freundin. Carina selbst war immer leicht entflammbar gewesen und ihre teils kurzen, teils länger dauernden "Affären" hatten Inghelbrecht nicht im Geringsten gestört. Er nannte Carina gelegentlich in nachsichtigem Ton "seine Tochter" (was sie rein altersmäßig auch hätte sein können).

Zum ersten Mal musste Carina erfahren, was Einsamkeit ist. Sie floh die mondäne Gesellschaft in Paris und begab sich zu einem kleinen, verschlafenen Kurort für Reiche, Aix les Bains. Sie redete sich selbst ein, an Muskelverspannungen zu leiden (was mehr psychosomatisch als real war, Carina hatte an sich eine Roßnatur). Wie üblich, fehlte es ihr an Geld. Sie hatte nie Rechnungen zu bezahlen gehabt; immer waren reiche und großzügige Freunde zur Stelle gewesen.

Jan Moltzer, Likörfabrikant (mit Rohstoffen...)
Jan Moltzer 

So auch nun. Eine Freundin hatte sie zum Dinner in einem der besten Kurhotels von Aix eingeladen. Carina war in ein langes weißes Kleid gehüllt und trug dazu einen kleinen roten Bolero (getragen mit der Carina eigenen Natürlichkeit, die geradezu alle Aufmerksamkeit auf sich zog). Schon ihr Entré in das Restaurang hatte es in sich. Die Kellner ließen beinahe das Tablett fallen. Noch schlimmer erging es einem unscheinbaren Gentleman an einem Nebentisch, der förmlich vom Blitz getroffen wurde. Nicht lange später war Carina sein Gast zum Abendessen. Er war nicht sehr mitteilsam, was seine Person betraf. Holländer, hochintelligent, befehlsgewohnt, doch gerade erschüttert dadurch, dass seine Frau ihn müde geworden war und die Scheidung eingereicht hatte.

Herr Moltzer war unscheinbar, klein wie Inghelbrecht, aber gut gebaut und muskulös, und sein kräftiger Kopf war markant. Er zeigte sich als recht verschwiegen und etwas geheimnisumwittert. Die wunderschöne Carina war, seitdem sie aufgehört hatte, zu tanzen, kurvenreicher geworden. Faszinierend ihre Aufrichtigkeit, Humor und Sinnlichkeit, und außerdem war sie großzügig mit dem, was sie hatte: Körper und Geist.

Jan Moltzer, Carina Ari ca. 1940So fanden Sie einander. Um sie herum entfesselte sich die Katastrophe des zweiten Weltkriegs. Er fragte Carina ohne Umschweife, ob sie ihm nach Südamerika folgen würde. Eine Heirat war zunächst ausgeschlossen, da Moltzers noch-Frau von dem neuen Glück des verschmähten Gemahls Wind bekommen hatte und jetzt die Scheidung etwas in die Länge zog. 1942, nach kostspieligen Verhandlungen, war endlich die Scheidung durch, und Jan Moltzers dritter und Carina Aris zweiter Ehe stand nun nichts mehr im Wege.

Zwischenzeitlich hatte Carina einiges mehr über den neuen Mann in ihrem Leben erfahren. Er war das Adoptivkind eines kinderlosen niederländischen Industriellen und hatte das traditionsreiche Spirituosenimperium Bols geerbt. Moltzer hatte den Krieg, den Deutschland beginnen sollte, vorausgesehen. Vielleicht war er sich nicht sicher, ob er nach Nazi-Gesichtspunkten als arisch galt; jedenfalls nahm er seine besten Fabrikmeister mit sich nach Bueos Aires, und, während die europäische Industrie lahmgelegt war, belieferte von dort aus während der gesamten Kriegsjahre die freie Welt mit den echten, berühmten Bols-Likören und Schnäpsen. Seine zwei Söhne kamen unter der deutschen Besatzung Hollands ums Leben, und eine der beiden Töchter verunglückte tödlich. Die andere behielt immer einen guten Kontakt zu Stiefmutter Carina. Moltzer und Carina bekamen keine eigenen Kinder, doch es war eine harmonische Ehe, die beiden ein glückliches Jahrzehnt zusammen bescherte. Das Liebespaar an den Niagarafällen

Carina gefiel es, einen Dompteur zum Mann zu haben, sie mochte "richtige" starke Männer. Moltzer war nicht besonders unterhaltsam, doch er war herzensgut. Carina wurde mit großzügiger Liebe überschüttet und reichlich mit Schmuck und Pelzen eingedeckt. Zögerlichkeit konnte er nicht ertragen. Waren Moltzers in einem Geschäft und Carina dabei, wie alle Frauen, die gesamte Konfektion durchzuprobieren, so riß Jan schnell der Geduldsfaden: "Willst du das, was du anhast? Sonst gehen wir jetzt und Schluß!" Carina lernte schnell, sicherheitshalber immer Ja zu sagen. Ein paar Tage später würde sie einen weiteren Pelz bekommen, falls der gerade gekaufte ihr doch nicht gefiel.

Carina war eine strahlende Gastgeberin in Moltzers herrschaftlichem Anwesen bei Buenos Aires. Sie hatte ein natürliches Pathos, war eine Primadonna durch und durch, und hatte trotzdem eine feine Bescheidenheit und ein hilfsbereites Herz für die Sorgen anderer.

Jan Moltzer verstarb 1951 mit nur 68 Jahren durch einen Herzinfarkt. Einen großen Teil des Vermögens, vor allem die Aktien des Bols-Imperiums, erbte die Witwe. Carinas Trauer war groß und sie vermisste ihren Jan schmerzlich. Sie war nun 54 und ging Zeit ihres Lebens keine Bindung mehr ein.

Carina Ari 1950
Carina Ari 1950
Carina Ari mit der Büste des Operndirektors Harald André
Im Atelier in Buenos Aires

Der Tanz war bereits ein abgeschlossenes Kapitel. Wie viele andere Ballerinas verspürte Carina Lust an der bildlichen Formgebung, um den künstlerischen Drang zu beschäftigen. Sie studierte u.a. in New York und hatte den meisten Erfolg mit porträtähnlichen Büsten, oft von Freunden. Das bekannteste Werk ist die Büste des schwedischen UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld, aufgestellt vor dem UN-Gebäude in New York und im Schloß von Uppsala, wo dieser in seiner Jugend wohnte.

Nach dem Tod des Gatten blieb Carina in Buenos Aires, wo sie viele Freunde gewonnen hatte und den Mittelpunkt eines regen Gesellschaftslebens bildete. Alle zwei Jahre unternahm sie eine Reise nach Europa. In Paris hielt sich sich weiterhin ihre reizvolle, kleine Atelierwohnung. Mitunter besuchte sie Schweden einen ganzen Sommer lang.

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