 Desiré-Émile Inghelbrecht, Carina (1922) | Die Stadionballette
In Stockholm wurde
es Tradition, einen "Tag der Kinder" im großen
Sportstadion zu feieren. Dies geschah bisweilen auch mit der
Inszenierung eines Massenauftritts von tanzenden Kindern und
Jugendlichen. 1918 hatte Fokine einige äußerst spektakuläre
"Kollossalballette" aufgeführt: Die Jahreszeiten
und Die Mondscheinsonate. Natürlich mussten
zur Füllung der riesigen Flächen auch Amateurtänzer
und Schüler herangezogen werden. Man engagierte Schulklassen,
die besonders darin unterwiesen wurden, wie man eine Kollektivbewegung
ausführt.
Die Masse der Mitwirkenden
und die Synchronität der Bewegungen hatte einen gewaltigen
Ornamental-Effekt. Das Prinzip, viele Mitwirkende ihre Bewegungen
unisono ausführen zu lassen, ist en altes choreographisches
Stilmittel, das auch in Werken wie Schwanensee
und Bajadere angewendet wurde. Eine kommerzielle
Show kam durch den pensionierten englischen Sergeanten John
Tiller zu Stande, der mit den Tiller Girls die Welt der Cabarets
begeisterte und bis heute Nachahmer findet.
Carina
hatte natürlich Fokines Massenchoreographien im Stadion
von Stockholm gesehen, ja sie war möglicherweise bei einigen
selbst mit dabei, und nahm sich dieser "Show" im September
1923 gerne an (da sie zu dieser Zeit auch gerade wieder "frei"
war). Das Wetter spielte mit und die den Volkstanz betonenden
Massentänze hatten jubelnde Resonanz. Sie bekam 1929 und
1930 nochmals den Auftrag für die Gestaltung des Spektakels
und hatte dafür mehr als 2.000 Tänzer, von denen (am
"Tag des Kindes"!) die meisten jüngeren Alters
waren.
|  "Färgspel" ("Farbenspiel") ; Stockholmer Stadion 1929 |
Bei der Auseinandersetzung
mit Rolf de Maré hatte Carina Ari einen Unterstützer in dem
Kapellmeister des Ballets Suédois, Desiré-Émile Inghelbrecht.
Dieser war ein Lieblingsschüler von Debussy und sollte in Frankreich
noch einer der größten Dirigenten des Jahrhunderts werden.
Inghelbrecht war
mit der Tochter Steinlens verheiratet (der das Bühnenbild für
Iberia des Ballet Suédois kreiert hatte). Doch
die Ehe war bereits zerrüttet und Carina nahm den Platz der Madame
Inghelbrecht ein.
Im
Herbst 1924 wurde Inghelbrecht musikalischer Leiter an der Opéra
Comique, der zweiten Staatsbühne in Paris, die auf dramatische Opern
der mittleren Größe, wie z.B. Carmen, spezialisiert hatte. Carina
Ari arbeitete mehrere Jahre an einem abendfüllenden Programm, mit sich
selbst als alleinigem Interpreten.
Das war so üblich in dem neuen Genre "Moderner Tanz" (auch
genannt Freier Tanz, d.h. befreit von dem klassischen Regelwerk). Aber
vor Carina Ari hatte sich noch keine klassische Tänzerin darin versucht.
Carinas Terminkalender war, wie bei allen "Freien", nicht überfüllt.
Feste Engagements hatte sie nur für relativ kurze Perioden in ihrer
Karriere.
Jean Börlins Schaffen war seiner Zeit weit voraus und wurde auch
in historischer Perspektive bis zur Ära von Pina Bausch und Alvin
Nikolai nicht vollends verstanden. Obwohl Carina die Neuschöpfungen
Jean Börlins ausführte, fühlte sie sich im Grunde immer
wie eine klassische Ballerina.
Sie war in jeder Hinsicht ein hingebungsvoller Lehrling von Fokine. Das
galt auch den praktischen Seiten seiner Reformen: Programme zu schaffen,
die so abwechslungsreich waren, dass sie die neue Rastlosigkeit des zwanzigsten
Jahrhunderts zufrieden stellten. Die abendfüllenden Werke des vorausgegangenden
Jahrhunderts, wie Die Bajadere, Der Korsar,
und sogar Dornröschen waren Novellen, die mit literarischer
Akribie einen komplizierten Handlungsverlauf zu erzählen suchten.
Nur wenige waren so poetisch oder psychologisch ausdrucksvoll, dass die
Zuschauer von der Handlung wirklich ergiffen wurden (z.B. Schwanensee,
Giselle).
Fokines Idee war genial einfach: Ein Ballett darf nicht länger
als notwendig sein! Ein Akt reicht meist aus, um auszudrücken, was
zu sagen ist. Eine Sammlung kurzer Ballette ermöglicht mehr Abwechslung.
Das Programm der Ballets Russes bestand in der Regel aus kurzen Stücken,
und auch Börlins Repertoir für Ballet Suédois folgte
diesem Konzept. Einen erheblichen Anteil am Erfolg dieser Pionierarbeiten
hatten die ausdrucksstarken Bühnenbilder, die für jedes Werk
einzeln entworfen waren. Das Publikum kam gar nicht dazu, eines Szenarium
müde zu werden, da schon beizeiten das nächste folgte.
Carina Ari nahm sich das zu Herzen. Im Gegensatz zu den dekorationsarmen
Szenen beim freien Tanz, die nach Isadora Duncans Fasson mit dunklen Vorhängen
drapiert waren, ließ Carina für jeden ihrer Solotänze
ein eigenes aufwendiges Bühnenbild anfertigen. Sie war mit vielen
hervorragenden Malern befreundet; Grünewald, Moureau och Dethomas
schenkten ihr eigene Szenenbilder. Zum Freundeskreis von Inghelbrecht
gehörten Komponisten, wie Honegger, Reynaldo Hahn und Florent Schmitt.
Von diesen und von Inghelbrecht selbst stammte die Musik. Sie tanzte unter
der Begleitung eines 40-köpfigen Orchesters, geleitet von Inghelbrecht
- und nicht in Begleitung eines einsamen Pianisten, der Besetzung, mit
der sich ihre Kollegen üblicherweise zu begnügen hatten. Carina
hatte die Uraufführung ihrer acht "getanzten Szenen" 1925
an der Opéra Comique.
Zuerst Rêve ("Traum"), eine poetische Idealisierung über die Sehnsucht, eins mit dem Baum in der Natur zu werden. Dann folgte Sous-marine ("Auf dem Meeresgrund"), eine Unterwasserszene mit wiegenden Algen, die ums Überleben kämpfen. Danach folgte Le Retour interrompu ("Vor der Herberge"), einer Spielszene vor der Herberge in einem spanischen Dorf. Ein vorbeikommendes Mädchen hält inne, als sie Musik durch das Fenster wahrnimmt, und tanzt für sich allein, um dann im Dunkel der Nacht zu verschwinden. Degas war der Titel einer humoristischen Beschreibung, wie eine klassische Tänzerin übt, mit einem Bewunderer flirtet, einen preziösen Tanz ausführt; Satire auf die Maniriertheit einer Ballerina. Die Szenographie zu La danse pour les oiseaux ("Tanz für die Vögel") stammte von Carina selbst. In diesem Ballett verwendete Carina den klassischen Still ernsthaft, veranschaulichte Vögel und deren Bewegungen. Musique sur l'eau ("Musik auf dem Wasser") beschrieb sowohl Wellenbewegungen als auch das Zusammenspiel einer Seejungfrau mir ihren beflügelten Schwestern, den Schwänen. La danse d'Abisag ("Abizags Tanz") beruht auf einer biblischen Erzählung. Eine Jungfrau entsteigt einer byzantinischen Mosaikmauer und tanzt für den alten König David; in kubistischen, kantigen Bewegungen, enthaltsam und urtümlich war dieses Stück vielleicht die eigenwilligste Stilstudie des gesamten Programms. Als leichter Abschluss kam dann Kajsa et Britta ("Kajsa und Britta"), eine Bagatelle zum Thema "Kleider machen Leute". Ein armes Mädchen darf sich das Kostüm eines reichen Mädchens leihen und sieht sich plötzlich von allen Herren umschwärmt.
Dies war ein recht kompliziertes Programm und auch in der praktischen Umsetzung machte es sich Carina damit nicht einfach. Sie wollte es vermeiden, zwischen den Nummern Pausenmusik spielen zu lassen. Daher musste jeder Szenenwechsel blitzschnell vonstatten gehen und für den Kostümwechsel gab sie sich selbst nicht mehr als zwei Minuten. Hierfür wurde jedes einzelne Detail genauestens berechnet und die Konstruktion der Kostüme wurde immer wieder neuen Versuchen unterworfen. Doch noch mehr Konzentration als diese mechanische Geschwindigkeit beanspruchte der pausenlose mentale Wechsel von einer Gefühlswelt zur anderen.
Mit dieser Leistung
weckte Carina große Begeisterung. Sie führte ihre "Scènes
Dansées" noch lange Jahre immer wieder wieder als Gastvorstellung
in Paris und Europa auf. Dazu begleitete sie Inghelbrecht in einer Art
Solotournee, der an jedem der Orte ein neues Orchester einzustudieren
hatte.
Die Ode an die Rose
Carina bekam 1927 den ehrenvollen Auftrag, eine Choreographie für
ein speziell zusammengestelltes Ensemble zu schaffen, das bei einem Festakt
im Pariser Präsidentenpalast auftreten sollte. Sie wählte den
Titel Ode à la Rose nach einem Gedicht von Ronsard.
Es war eine poetische Würdigung an die Blume aller lyrischen Liebesdichtungen.
Carina Ari verlegte sich auf eine subtile, fast abstrakte Darstellung
der Gefühle.
Nach der allseits gerühmten "Rose" bekam Carina den Auftrag
für eine Choreographie an der Großen Oper von Paris, genannt
Palais Garnier. Das französische Opernballett war seit der Jahrhundertwende
in eine künstlerische Flaute geraten. Es hatte den Anschluss an die
Russen und die Schweden verpasst, war in sich erstarrt und einfach nicht
mehr zeitgemäß, geringschätzt nicht nur vom Publikum,
sondern auch von seiner eigenen Direktion. Daher wurden das Opernballett
lediglich benutzt, um Opernabende zu strecken, die etwas zu kurz waren.
Erst 1930, als Serge Lifar die Leitung des Pariser Opernballetts übernahm,
kam es zu einem Aufschwung, zu neuer, dauerhafter Größe.
Einen Vorgeschmack lieferte Carina 1928 mit ihrem Ballett Claire
de Lune ("Der Mondstrahl"). Sie hatte den richtigen
Zeitpunkt erwischt - die Tänzer beherrschten die klassische Technik
noch bis zur Vollendung. Jetzt musste mit der richtigen Choreographie
neues Leben eingehaucht werden. Carina legte Claire de Lune als reines
"choreographisches Gedicht " an und stellte außerdem auch
gleich eigenhändig das Bühnenbild her. Es existieren noch eine
große Anzahl von Skizzen für diese Arbeit. Sie bereitete die
Aufbauten vor und markierte die Gänge der Tänzer im Raum nahezu
detailliert, sogar die Bewegungsabläufe wurden eingezeichnet.
Inghelbrecht
suchte mit großer Feinfühligkeit Kompositionen von Gabriel
Fauré aus und instrumentierte diese selbst. Das Ballett hatte bis
zu einem gewissen Grade "Inhalt", doch wurde dieser sehr abstrakt
dargelegt, es waren mehr Visionen, Andeutungen und Einfälle als eine
konkrete Erzählung: Eine Art milde Rivalität herrscht zwischen
dem Mondstrahl und der Tochter des Blauen Bergs um einen Jüngling.
Mondstrahl gelingt die Eroberung des Jünglings, doch sie besinnt
sich eines Besseren und überlässt ihn der Bergtochter, die einen
gerechteren Anspruch auf ihn hat. Winde und Nebelschleier gleiten in hellen
und dunklen Nuancen über die Bühne, alles zur einem raffinierten
Lichtwechsel (kreiert vom Opernchef Rouché persönlich). Claire
de Lune ist Les Sylfides von Fokine verwandt, hat aber mehr Sinnlichkeit.
In der Geschichte des französichen Balletts gibt es bemerkenswert
wenige weibliche Choreographen. Von diesen wenigen sind zwei in Stockholm
geboren: Marie Taglioni mit ihrem einzigen Ballett Le Papillon
(1860) - und Carina Ari mit Claire de Lune 1928.
Claire de Lune wurde ein eklatanter Erfolg in Carinas
ohnehin eindrucksvoller Laufbahn. 1934 gab es eine Wiederaufnahme, und
dann in der großen Oper selbst. Carina passte die Hauptrolle für
Olga Spessivtseva (eine der größten Tänzerinnen aller
Zeiten) an, doch als diese kurz vor der Premiere verunglückte, gab
es niemanden, der diese Choreographie tanzen konnte - außer Carina
selbst, was sie dann auch tat.
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Bei der Probe für "Claire
de Lune"
mit Serge Peretti, Camilla Bos und Carina Ari (1934) | Kurzes Gastpiel in Algier
Das
Opernhaus in Algier bedurfte anfangs der dreißiger Jahre einer gründlichen
Erneuerung - vor allem in künstlerischer Hinsicht. Da Carina in der
Branche hohes Ansehen genoss, wurde sie als Ballettmeisterin engagiert,
und Inghelbrecht übernahm selbstredend die musikalische Leitung der
Oper.
In Algier lebte
die Oper von einem gutsituierten, konservativen und rückständigen
Publikum, das sich aus der französischen Oberklasse zusammensetzte.
Inghelbrecht, einem erklärten Gegner jeglicher Form von Rassismus,
gelang es, sich praktisch sofort mit den meisten Leuten seiner Umgebung
anzulegen, und er kehrte in wilder Empörung nach Paris zurück.
Carina hatte bereits große Anstrengungen in die Umstrukturierung des
Ballettensembles investiert und auch schon einige Tänzer vom Königlichen
Dänischen Ballett in Kopenhagen rekrutieren können. Allein in
der ersten Saison schuf Carina sechs eigene Ballettwerke, zusätzlich
zur Neuchoreographierung sämtlicher Ballette des Opernrepertoirs.
Nach einem Jahr der Überanstrengung kehrte sie krank und geschwächt
zu Inghelbrecht nach Paris zurück. Die beiden erhielten 1932 ein
festes Engagement an der Opéra Comique, er als Musikchef, Carina
Ari als "Étoile" (d.h. "Star"-Tänzerin
auf gleicher Stufe der Primaballerina an der großen Oper), und gleichzeitig
als Ballettmeisterin. Sie hatte mit der Umarbeitung aller Tanzeinlagen
der Opern viel zu tun, da dies in der Praxis bedeutete, die gesamte Choreographie
neu zu bauen. Die Presse rühmte ihre Arbeit als "Meisterwerke
von Geschmack und Verstand". Doch nach wie vor verstummten die Stimmen
nicht, die Ballette an der Opéra Comique als überflüssig
betrachteten. Trotzdem konnte Carina durchsetzen, dass ein Balletwerk
aus Brahms-Walzern geschaffen wurde. In seinem fast abstrakten, klassischen
Stil sollte Balanchine 30 Jahre später etwas ganz ähnliches
inszenieren.
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