 Rolf de Maré im Théâtre de Champs Elysées, Paris Michel Fokine (1880-1942)  Serge de Diaghilew (1872-1929), Begründer des Ballets Russes, dem Vorbild für Les Ballets Suédois |

Carina Ari war eine Ballerina mit einem ungwöhnlich reichem
Register. Außerdem hatte Sie eine natürliche Bühnenpräsenz.
Sobald Carina auftrat, zog sie die Blicke der Zuschauer an sich,
selbst wenn andere hervorragende Tänzer auch dort waren,
jeder mit eigener origineller Choreographie, was bei Maison
des Fous (Das Irrenhaus) extrem deutlich wurde. Für
einen großen Bühnenkünstler ist diese Naturbegabung
ein wichtiges Instrument. Die Bühnenpräsenz lässt
sich nicht methodisch erlernen, man hat sie oder man hat sie
nicht. In der Zeit mit dem Schwedischen Ballett machte sich
Carina einen Namen als Solist in Paris, wie auch in den vielen
anderen Städten, in denen Gastspiele durchgeführt
wurden. Carina konnte noch lange Zeit später an allen diesen
Orten damit rechnen, dass man sich noch an sie erinnerte, und
kehrte zuweilen mit ihrem Soloprogramm zurück.
| |  Paris - Ballets Suédois
Ein wohlhabender
Kunstsammler, Rolf de Maré, hatte sich von Fokine überzeugen
lassen, dass er in die Fußstapfen des brillianten Ballettimpresarios
Diaghilew (Ballet Russes) treten sollte. Maré gründete ein
"Ballet
Suédois" in Paris, und dadurch konnte auch er ein Prominenter
in der ansonsten für Ausländer schwerzugänglichen, snobistischen
Pariser Welt werden. Als Maré dafür die jüngsten und
besten Tänzer von der Stockholmer Oper rekrutierte, war Carina selbstredend
Solistin. Maré verpflichtete sein Ensemble mit Dreijahresverträgen,
um von Paris aus Gastpielreisen durch Europa und Amerika zu veranstalten.
Das schwedische Ballettensemble Les Ballets Suédois (1920-1925)
war nach Ballets Russes das zweite große private Tournee-Tanztheater
weltweit. Man sollte sich in Erinnerung rufen, dass es nach dem 2. Weltkrieg
von derartigen Tanztruppen auf der Welt nur so wimmelte. Sprechbühnen
agieren meist nur an einem Ort oder einer Region. Tänzer sind dagegen
nicht nur buchstäblich in ständiger Bewegung. Das hat natürliche
Gründe. Sprechtheater wird durch die Sprache begrenzt, die Sprache
des Tanzes ist universal, es gibt keine Sprachbarrieren. Ein großer
Künstler kann in der Ballettwelt seine Nationalität ohne weiteres
ändern. Genau
das tat Carina Ari. Das Mädchen aus der Stockholmer Altstadt verwandelte
sich in einen französischen, einen pan-europäischen Star.
Alles ging nun schnell. Man wurde sofort auf sie aufmerksam, stärker als auf alle anderen des Ensembles. Der Choreograph Jean Börlin, ein bedeutend größerer Künstler, wurde dagegen in Frage gesetzt. Die genialen, radikalen Neuschöpfungen waren keine leichte Kost und Börlins Wert wurde nicht von jedem verstanden.
Für Carina,
die Tänzerin, war Börlins Schaffen eine Plattform für
das Aufzeigen der interpretierenden Vielfalt, deren sie fähig war.
Carinas Register war breit, breiter als das der meisten Ballerinas.
Sie hatte den klassischen Tanz von Grund auf gelernt und trainiert,
doch sie war ebenso geprägt von Fokines Neoromantik (deutlich z.B.
in Chopiniana). Sie beherrschte auch die grotesken
Facetten des Expressionistischen, wie in Maison des Fous
(Das Irrenhaus), das Volkstümliche (Nuit de St.Jean)
und das surrealistisch Ironische (Mariés de la Tour Eiffel).
In allen Darstellungen war Carina gleichermaßen schön, sinnlich
und im rechten Augenblick charmant humorvoll.
|  Jean und Carina tragen die Hüte des anderen, Der "Chef" behält seinen auf. Spanientournee des Schwedischen Balletts 1921. oben: Jean Börlin, mitte: Carina Ari, unten: Direktor Rolf de Maré | Der Vertrag
Rolf de Maré hatte die Tänzer seines Ensembles für ganze
drei Jahre unter Vertrag genommen, wobei diese auch in den Spielpausen
ihr volles Gehalt ausbezahlt bekamen. Nur einige wenige staatliche Bühnen
boten ähnlich sichere und großzügige Bedingungen. Dass
ein Impresario solche Verträge machte, war äußerst generös.
Noch heute ist üblich, dass die Tänzer für eine bestimmte
Anzahl von Vorstellungen, die die Leitung organisieren konnte, engagiert
werden. Zwischen diesen Anstellungszeiten müssen die Künstler
selbst zusehen, wie sie sich versorgen (in den USA oft sogar durch kellnern).
Zeiten der
Arbeitslosigkeit gehören zum Leben der meisten Tänzer. Das Ensemble
des Ballets Suèdois konnte sich dagegen in den Sauregurkenzeiten
bei vollem Gehalt nach Lust und Laune Urlaub und Entspannung gönnen.
|  Carina Ari 1925 |
Eines Tages bekam Carina ein Angebot, die Hauptrolle in einem deutschen
Film zu übernehmen. Sie nahm an, da die Dreharbeiten in den Ballettferien
geplant waren. Als sie dies ganz arglos in einem Gespräch mit Rolf
de Maré erwähnte, reagierte er mit Empörung. Sie war
ganzjährig bei ihm angestellt und hatte keine andere Arbeit anzunehmen.
Fast kam es zu einem Prozess, doch Carinas Anwalt riet ab. Sie musste
den Filmvertrag auflösen. Die Rolle ging an eine andere. Sie hieß
Pola Negri und ihr Weltruhm begründete sich just auf diesen Erfolgsfilm.
Diesen Weltruhm hätte Carina haben können. Der Erfolg eines
Filmstars ist ungleich größer als der einer niemals so im Vordergrund
stehenden Tänzerin, besonders in finanzieller Hinsicht.
Carina
trug es de Maré lange nach, dass er ihr diese Chance vereitelt
hatte. Später, als sie selbst eine reiche Dame geworden war - viel
reicher als Maré - hatte sich ihre Wut auf ihn gelegt. Doch wenn
sich die Gelegenheit für einen Seitenhieb bot, so wischte sie ihm
gerne eins aus. Ihr Elefantengedächtnis ließ sie allerdings
auch nie einen Freund vergessen!
Carina verließ das Schwedische Ballett so schnell es ging, und
ließ sich bis dahin krankschreiben. Sie hatte tatsächlich Gichtbeschwerden,
doch die setzten zumeist dann ein, wenn es ihr nicht ungelegen kam. Im
allgemeinen war Carina Zeit ihres Lebens kerngesund und mit unermüdlicher
Vitalität ausgestattet.
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